JUMS trifft … Virginia Springer

JUMS veröffentlicht nicht nur – wir recherchieren auch.

Regelmäßig treffen wir unsere JUMS-Autoren, aber auch Professoren und Wissenschaftler, unterhalten uns über deren Abschlussarbeiten und bitten diese um wichtige Tipps zum Schreiben von Abschlussarbeiten.

Heute haben wir uns mit Virginia Springer von der Universität Stuttgart getroffen, deren Bachelorarbeit „Bewertung der Übertragbarkeit von neuronalen Studienergebnissen auf einen Accounting-Kontext“ in der 12. Ausgabe von JUMS veröffentlicht wurde.

Steckbrief: Virginia Springer

Titel der Arbeit:

Bewertung der Übertragbarkeit von neuronalen Studienergebnissen auf einen Accounting-Kontext

Art der Arbeit, Hochschule:

Bachelorarbeit, Universität Stuttgart 

Aktuelle Tätigkeiten:

Masterstudentin Technical Business Administration – Universität Stuttgart und Werkstudentin im Digital Marketing & Data Analytics bei einem Fintech-Startup

JUMS- Ausgabe:

Junior Management Science 4(3), 2019, 392-421

Artikel-Seite: https://jums.academy/v-springer/

Interview

JUMS: Liebe Virginia, Du untersuchst in deiner Bachelorarbeit, inwiefern man die Aktivitäten im Gehirn auf den Accounting-Kontext anwenden kann. Wie bist Du auf diese Fragestellung gekommen?
Virginia Springer: Mir war schon recht früh klar, dass ich gerne eine interdisziplinäre Problemstellung in meiner Abschlussarbeit bearbeiten möchte. Denn ich wollte etwas finden, das mich begeistert, aber zugleich auch fordert. Schon in frühen Semestern habe ich mich für verhaltenswissenschaftliche Disziplinen der BWL interessiert und bin nach intensiver Recherche auf das Neuroaccounting gestoßen. Dann war für mich auch schnell klar: nach so einem interdisziplinären Forschungsfeld habe ich gesucht.

 

JUMS: Du beschreibst, dass der Bereich Neuroaccounting ein recht junger Forschungsbereich ist. Kannst Du erklären, was das Neuroaccounting ist?
Virginia Springer: Das Neuroaccounting kann als junge Teildisziplin sowohl des verhaltensorientierten Accountings als auch der Neuroökonomie angesehen werden. Eine einheitlich etablierte Definition dieses Forschungsfeldes ist in der Literatur aber (noch) nicht zu finden. Grundsätzlich beschreibt das Neuroaccounting die Vereinigung von zentralen verhaltenswissenschaftlichen und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen mit Grundsätzen des Accountings und der Psychologie. In Verbindung gebracht und untersucht kann dies bspw. durch die Messung der Hirnaktivität bei ökonomischen Entscheidungen. Aber auch die theoretische Fundierung Accounting-spezifischer Problemstellungen durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse stellt einen wichtigen Teil dieser Forschungsdisziplin dar.

 

JUMS: Was hast Du in deiner Bachelorarbeit herausgefunden? Können neurowissenschaftliche Erkenntnisse auf einen Accounting-Kontext übertragen werden?
Virginia Springer: Die Übertragung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse auf einen Accounting-Kontext ermöglicht eine theoretisch fundierte Argumentation, um bspw. bei experimentellen Studien im Accounting einen Blick in die „Black Box“ des Gehirns zu ermöglichen. Dies sollte, so in der Theorie, natürlich vor dem Hintergrund des gleichen Studiendesigns erfolgen. In meiner Bachelorarbeit habe ich jedoch herausgefunden, dass teilweise zur theoretischen Fundierung einer Accounting-spezifischen Problemstellung neurowissenschaftliche Erkenntnisse herangezogen werden, welche grundsätzlich aus einem gänzlich anderen und teilweise sogar konträren Studiendesign entwickelt wurden. Hier führen vor allem stichprobenrelevante Störvariablen (bspw. nicht-humane vs. humane Primaten) sowie kontextspezifische psychologische Effekte (bspw. finanzieller vs. nicht finanzieller Anreiz der Probanden) zu Limitationen bei der Übertragbarkeit. Um folglich repräsentative Kausalschlüsse bei der Übertragung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse auf einen Accounting-Kontext zu gewährleisten, müssen sowohl kontextspezifische Gegebenheiten, Stichprobeninterdependenzen als auch der eigentliche Untersuchungsschwerpunkt der neurowissenschaftlichen Studie berücksichtigt werden.

 

JUMS: Was bedeutet dies für die Zukunft des Accountings?
Virginia Springer: Auf jeden Fall neue und fundierte Einblick in die komplexe Welt der menschlichen Entscheidungsfindung. Vor dem Hintergrund, dass sich auch die Accounting-Forschung zunehmend für den Unterschied zwischen kognitiver (rationaler) und affektiver (emotionaler) Entscheidungsfindung interessiert, bietet eine Verknüpfung von Accounting-spezifischen Problemstellungen mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen enorme Möglichkeiten. So können beispielsweise neuronale Entscheidungszusammenhänge über Anreize, Risikobereitschaft, Motivation, Fairness und andere Verhaltensergebnissen theoretisch fundierter untersucht werden. Folglich können die zumeist auf statistisch- theoretischen Methoden basierenden Erkenntnisse des Accountings um eine mikroskopische Sichtweise erweitert werden und eine realitäts-nähere Abbildung menschlichen Verhaltens gewährleisten. 

 

JUMS: Du hast dich nun einige Zeit mit der Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit befasst. Gibt es einen Tipp oder Ratschlag, den Du unseren Lesern mit auf den Weg geben kannst?
Virginia Springer: Ich glaube, einer der hilfreichsten Ratschläge ist, dass man eine Thematik bzw. Problemstellung untersucht, die einen wirklich interessiert und hinter welcher man auch steht. Eine Abschlussarbeit bietet meiner Meinung nach eben diese Möglichkeit, einzigartige Themen oder auch Problemstellungen, die vielleicht im ersten Moment etwas ungewöhnlich wirken, intensiv zu erkunden und zu bearbeiten. Denn Hand aufs Herz: Jeder kommt einmal an den Punkt, an dem man sich wünscht, dass die Abgabe schon Morgen wäre. Vor allem dann ist es hilfreich, eine Problemstellung zu bearbeiten, für die man sich auch wirklich interessiert. Daher mein Tipp: ein Blick in exotischere und auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnliche Disziplinen kann hilfreich sein!

 

JUMS: Du hast nun nach deinem Bachelorabschluss dieses Jahr dein Masterstudium begonnen. Weißt Du schon, wie es für dich weitergeht? Wäre die Wissenschaft eine Option?
Virginia Springer: Aufgrund diverser Praktika konnte ich schon einige Bereiche der Wirtschaft intensiv erkunden. Das macht mir sehr viel Spaß und bietet mir die Möglichkeit, meine fachlichen Interessen gut in der Praxis umzusetzen. Aber auch meine Tätigkeiten als studentisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Stuttgart bereiteten mir große Freude. Konkrete Pläne habe ich noch keine, aber eine Kombination aus Praxis und Wissenschaft könnte ich mir in meiner beruflichen Zukunft sehr gut vorstellen.

 

JUMS: Zum Abschluss des Gesprächs gibt es bei uns immer einen kleinen Ergänzungssatz, den wir dich bitten würden, zu vervollständigen: “Eine Abschlussarbeit zu schreiben, bedeutete für mich…”
Virginia Springer: Dass ich zwar ganz viel Zeit in der Bibliothek verbringe, aber dadurch auch interessante Denkansätze kennenlerne und selbst etwas zur Wissenschaft beitragen kann.

 

 

JUMS: Vielen Dank, liebe Virginia, für die interessanten Einblicke in deine Arbeit und welche Tipps du unseren Leserinnen und Lesern geben kannst. Wir wünschen dir für deine weitere Zukunft viel Erfolg!