JUMS trifft … Prof. Dr. Dr. Manuel René Theisen

JUMS trifft … Prof. Dr. Dr. Manuel René Theisen

Das Verfassen einer Abschlussarbeit: Notwendiges Übel oder zum Glück notwendig?

Die Sichtweisen auf eine Abschlussarbeit können stark variieren. Eines ist dabei aber jedoch keine Frage der Perspektive: Die Einhaltung formaler Vorgaben. Um eine Beschäftigung mit dieser Materie zu vereinfachen und damit auch das Verfassen der Abschlussarbeit zu erleichtern, ist der Blick in Literatur vor der Literaturrecherche unumgänglich. Dafür haben wir einen der bekanntesten Autoren für Bücher rund um das Anfertigen einer Abschlussarbeit interviewed, Herrn Prof. Dr. Dr. Manuel René Theisen von der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Interview

JUMS: Einer Rezension Ihres Buches ist zu entnehmen, dass es eine Vielzahl der essentiellen Gesichtspunkte abdecken würde, darunter sowohl handwerkliche, kommunikative als auch rechtlichen und gar psychologische. Gibt es dennoch Aspekte, die Sie bei der Erstellung einer Abschlussarbeit als am wichtigsten herausstellen würden?

 

Prof. Theisen: Wissenschaftlich Arbeiten heißt aus meiner Sicht: Neugierig sein. Wer sich in diesem Sinne motiviert (oder durch das Studium motiviert wird), der hat die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit. Denn alle anderen Fähigkeiten sind entweder bereits Teil des Studiums oder eben in dieser speziellen Phase erlernbar. Dafür braucht es dann eben eine geeignete Anleitung.

 

JUMS: Was erachten Sie als den Fehler schlechthin, vor dem Sie nun all jene bewahren können, die sich unserem Interview widmen?

 

Prof. Theisen: Der größte Fehler, den ich seit über 30 Jahren bei jungen Studierenden beobachte, wenn das Thema „wissenschaftliches Arbeiten“ ansteht, ist die vollkommene Überschätzung der Herausforderung und die vollkommene Unterschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Es werden keine Nobelpreis-würdigen Arbeiten erwartet und die späteren Beurteiler und Korrektoren wissen sehr genau, was im Durchschnitt geleistet werden kann – und auch geleistet wird. Die Furcht vor dem Versagen bevor man angefangen hat, bedingt häufig eine Blockade, die in der Tat schrecklich und abschreckend sein kann. Weniger Bedenken und mehr Neugierde ist wirklich das Rezept: Wer dann einmal „Blut geleckt“ hat, der kommt fast automatisch auf den richtigen Weg, eine Entdeckungsreise, die Spaß macht. Erst wenn man von der eigenen Arbeit träumt, ist man voll eingetaucht. Keine Alpträume, sondern ein „Weiterforschen“ in der Ruhephase – ein gutes Zeichen!

 

JUMS: Widmen wir uns nun einem Thema zu, das in der Wissenschaft häufig und leidenschaftlich diskutiert wird, von den Verfassern einer Abschlussarbeit aber bisweilen auch leidenschaftliche Ablehnung erfährt: Das Zitieren. Welche Zitationsregeln fordern Sie ein und sind als Mindeststandard in jedem Fall zu beachten?

 

Prof. Theisen: Die Berücksichtigung einer durchgängig eingehaltenen Zitierregel – es gibt verschiedene Formen, die zum Teil auch vom Fachgebiet abhängig sind – ist eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches wissenschaftliches Arbeiten. Nicht zuletzt die Plagiatsskandale haben gezeigt, welche verheerenden, auch späteren beruflichen Folgen schlampiges oder gar fehlerhaftes Zitieren zur Folge haben kann. Für die Studierenden aber ist es auch wichtig zu wissen, dass stark fehlerhaftes Zitieren bereits ein ausreichender Grund für die Ablehnung einer Arbeit sein kann: Wenn der Korrektor nicht mehr sicher unterscheiden kann, was in einem Text eigene Leistung und welcher Teil fremde Leistung ist, dann wird er diese für den/die Studierende(n) bittere Folge ziehen müssen. Häufig wird die (falsche) Auffassung vertreten, „zu viel zu zitieren“ sei bereits ein Mangel und das Zeichen zu geringer Eigenleistung. Diese Einschätzung ist im Kern falsch: Alles was übernommen wird, sei es wörtlich oder sinngemäß, muss ordnungsgemäß zitiert werden, also mit einer entsprechenden Fußnote oder einem nachfolgenden Vermerk versehen werden. Da es für studentische Arbeiten typisch ist, dass das Allermeiste aus der Literatur oder anderen Quellen stammt, sind „viele Zitate“ daher eher ein Qualitätszeichen als ein Manko. Nur darf die Arbeit nicht in eine „Zitatesammlung“ ohne roten Faden zerfallen, die Zusammenstellung und die Einbindung in die eigenen Gedanken ist die „Kunst“.

 

JUMS: Sie verweisen in Ihrer Publikation ja auch auf die Eigenheiten einer jeden Universität mit dem Hinweis darauf, dass Anforderungen und erwartete Richtlinien stark variieren können. Was würden Sie sich angesichts dieser Tatsache für die Zukunft deutscher Universitäten wünschen? Um das Stichwort zu nennen: Vielleicht auch eine Vereinheitlichung anstreben?

 

Prof. Theisen: Eine Vereinheitlichung wäre sehr wünschenswert, ist aber unrealistisch. Meine eigenen Beobachtungen an den Universitäten, an denen ich gelernt und gelehrt habe, haben mich von diesem Wunsch abgebracht: es ist praxisnäher, zu akzeptieren, dass sehr verschiedene Techniken und Vorlieben bestehen, auf die der Studierende achten soll. Diese Vielfalt in der Technik bedeutet aber in keinem Fall Beliebigkeit oder gar eine „Chance“ zur Sorglosigkeit. Jedes stimmige System, und nur solche sollten empfohlen und benutzt werden, basiert auf seiner durch¬gängigen, konsequenten und fehlerfreien Anwendung.

 

JUMS: Ebenfalls ein hochbrisantes sowie aktuelles Thema, das trotz seiner Formalität großes Potenzial besitzt, Menschen emotional zu berühren: Die Genderdebatte. Sie selbst verweisen ja darauf, dass ein sachlicher Sprachstil, einhergehend mit kompakten Formulierungen zu präferieren sei. Dies sei auch der artifiziellen Amtssprache vorzuziehen. Lässt sich daraus schließen, dass unser Gespräch jetzt aktuell auch lediglich von lieben Lesern verfolgt wird? Wie lautet Ihr Rat im Umgang mit dieser Thematik, sowohl hinsichtlich des wissenschaftlichen Arbeitens als auch im Alltag?

 

Prof. Theisen: Die Genderthematik ganz allgemein ist eine sozialpolitische und gesellschaftliche Forderung, keine wissenschaftliche. Daher halte ich persönlich auch die „Verrenkungen“ im Sprachstil, die wohl keiner wirklich in der Sache schätzt, eher für eine Begleiterscheinung, die die berechtigten gesellschaftlichen Forderungen aktuell noch stützen sollen. Ich hoffe, dass mit einer grundsätzlichen Verbesserung der Thematik auch Ruhe in die Ausläufer bei gesprochenem und geschriebenem Wort einkehrt. „Inhalt vor Form“ kann diesbezüglich dann auch wieder uneingeschränkt Beachtung geschenkt werden, von Studenten und Studentinnen.

 

JUMS: Herr Professor Theisen, blicken wir einmal zurück in vergangene Tage: Können Sie sich noch an Ihre emotionale Verfassung erinnern, als Ihre erste Abschlussarbeit verfasst haben? Und daran anknüpfend dann direkt der Vergleich: Mit welchen Assoziationen gehen Sie heute ähnliche  Aufgaben an?

 

Prof. Theisen: Diese Rückbesinnung fällt mir sehr leicht, auch nach den vielen Büchern und Aufsätzen, die ich seit 1976, dem Jahr meiner Diplomarbeit, geschrieben und verfasst habe. Denn die Stimmung und meine Stimmungsschwankungen – die es natürlich gegeben hat, ebenso wie Zweifel – haben mich letztlich überzeugt davon, dass wissenschaftliches Arbeiten mir Spaß macht und ich nicht aufhören will damit. Nachträglich betrachtet, war dies keine falsche erste Assoziation. Und von den ersten Erfahrungen beachte ich bis heute noch u. a. eine ganz wichtige: Losschreiben am Vormittag, Gedanken sortieren und einfach anfangen, der „Kampf“ wird am Nachmittag schwerer und am Ende des Tages eher Mechanisches erledigen (Zitate vervollständigen, Quellen recherchieren, Büchernachweise überprüfen etc.). Und am nächsten Morgen die Texte vom Vortag kritisch und als Allererstes lesen: Da kürzt man am Leichtesten, mindestens 2/3 wird weggeschmissen ohne Abschiedsschmerz, wie es am Ende des Vortages der Fall gewesen wäre. Die verbliebenen wenigen guten Sätze sind der beste Start in die weitere Arbeit.

 

JUMS: Angenommen, Sie müssten (oder besser: „dürften“) noch einmal eine Abschlussarbeit Ihrer Wahl selbst schreiben: Welches Thema würden Sie als heutiger Student besonders reizen?

 

Prof. Theisen: Eine schwierige, kaum zu beantwortende Frage: Ich bin immer noch so neugierig, dass ich mir viele Themen vorstellen kann. Aber ich habe gelernt, dass grenzüberschreitende Themen unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Corporate Governance Strukturen und Systeme eine immer größere Faszination auf mich ausüben. Dabei sollten die Unterschiede genauer beachtet werden und nicht zu früh nach vermeintlichen Gemeinsamkeiten gesucht werden: Die Welt ist unterschiedlich!

 

JUMS: Ein abschließendes Wort für all Diejenigen, welche sich gerade an einem Punkt vornehmlicher Verzweiflung bezüglicher Ihrer Abschlussarbeit sehen?

 

Prof. Theisen: Pause einlegen, mindestens einen Tag wirklich abschalten und etwas ganz anderes an einem anderen Ort machen, feiern, nicht grübeln. Solche Phasen sind grundsätzlich ein Signal, dass subjektiv oder sogar objektiv eine momentane Überforderung vorliegt. Daher nicht dramatisieren, keine Westentaschenpsychologie (oder gar Pillen) bemühen, einfach abschalten und mit neu geladenem Akku am nächsten (oder auch übernächsten) Tag starten. Wenn die Grundmotivation stimmt, funktioniert diese Technik, denn: Neugierde lässt sich naturgemäß schlecht lange bändigen!

 

JUMS: Vielen Dank, Herr Prof. Theisen, für Ihre Bereitschaft und Offenheit bei der Beantwortung der Interviewfragen. An dieser Stelle möchten wir unseren Lesen auch sehr gerne Ihr aktuelles Buch empfehlen “Wissenschaftliches Arbeiten: Erfolgreich bei Bachelor- und Masterarbeit“.

2017-07-04T09:30:35+00:00