JUMS trifft … Friederike E. Rhein

JUMS trifft … Friederike E. Rhein

JUMS veröffentlicht nicht nur – es recherchiert auch.

Regelmäßig versuchen wir uns dazu mit ehemaligen Autoren aus unserem Journal, aber auch Professoren und Wissenschaftlern zu treffen und diese um Tipps zum Schreiben von Abschlussarbeiten zu beten. Schließlich sind sie es, die aus eigener Erfahrung am besten berichten können, was das Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit ausmacht.

Heute haben wir uns dazu mit Friederike E. Rhein, Absolventin der Technische Universität Hamburg-Harburg getroffen, deren Masterarbeit “Management strategischen Wandels: Eine retrospektive Längsschnittstudie am Beispiel der ChemCo.”  in der ersten Ausgabe von JUMS ausgezeichnet wurde.

Steckbrief: Friederike E. Rhein

Titel der Arbeit:
Management strategischen Wandels: Eine retrospektive Längsschnittstudie am Beispiel der ChemCo.

Art der Arbeit, Hochschule:
Masterarbeit, Technische Universität Hamburg-Harburg

Aktuelle Tätigkeiten:
Externe Doktorandin Institute of Innovation Marketing TUHH

JUMS-Ausgabe:
Junior Management Science 1 (2016) 60-99

Artikel-Seite:
https://jums.academy/rueckzug-auf-raten-rhein/

Interview

JUMS: Liebe Frau Rhein, wenn man durch die bisherigen JUMS-Ausgaben blättert fällt auf, dass Sie als Einzige Ihre Abschlussarbeit anhand von einem konkreten Unternehmensbeispiel – der ChemCo. – geschrieben haben. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Friederike Esther Rhein: Die Zusammenarbeit hat sich durch meine vorherigen Aktivitäten im Unternehmen ergeben. Ich hatte hier bereits ein duales Bachelorstudium des Maschinenbaus absolviert und habe für die Zeit des Masterstudiums weiter als Projekt-Ingenieurin in einer Nebentätigkeit gearbeitet. Über verschiedene Wege habe ich versucht den direkten Kontakt zur Praxis zu halten und wurde dabei stark gefördert. So kam es auch zu der Idee die Phase während der Masterarbeit in Vollzeit wieder im Unternehmen zu verbringen. Wenn man dort gut vernetzt ist und mit ein bisschen Glück auch einen guten Draht zu relevanten Instituten und Professoren mit Themenbezug aufbaut, hat man viele Möglichkeiten.

 

JUMS: Würden Sie Studierenden empfehlen ihre Abschlussarbeit in Zusammenarbeit mit Unternehmen zu schreiben? Was sind die Vorteile und welche Probleme können auftreten?

Friederike Esther Rhein: Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass eine solche Zusammenarbeit für beide Seiten, Uni und Unternehmen, interessant sein kann. Sicherlich macht es einem dieser Anspruch nicht unbedingt einfacher, weil man permanent versucht das Interesse zweier Parteien zu befriedigen – die eigenen Vorstellungen außer Acht gelassen. Gerade bei größeren Unternehmen können bürokratische Hürden viel Zeit in Anspruch nehmen und wenn es zum Schluss dann ans Schreiben geht, kann eine Geheimhaltungsverpflichtung Schwierigkeiten bereiten. Mein Rat an dieser Stelle ist sich hiermit wirklich frühzeitig auseinanderzusetzen und potentiell kritische Punkte genau abzuklären. Vorteile sind natürlich der direkte Bezug zur Praxis und davon profitiert man persönlich sicherlich am meisten. Es geht nicht nur darum eine „echte“ Case Study zu bearbeiten, sondern vielmehr auch um das unternehmerische Treiben drumherum, die Kultur und Prozesse live mitzuerleben. Vieles menschliche Handeln, Unternehmensstrategien und -strukturen sind leichter nachzuvollziehen. Letztlich kann es genau das sein, was man versucht während eines Praktikums zu erreichen. Man gewinnt wertvolle Erfahrungen im Unternehmensalltag, knüpft neue Kontakte und weiß was einem hier insgesamt besonders gefallen hat oder auf Dauer gar nicht vorzustellen wäre. Es ist eine persönliche Entscheidung, hochtheoretische Arbeiten haben ebenso ihren Charme.

 

JUMS: Kurz zusammengefasst: Wie sind Sie bei Ihrer Fallstudie vorgegangen? Was waren Ihre wichtigsten Analyseinstrumente und welche Probleme traten bei Datenbeschaffung, –auswertung und –interpretation auf?

Friederike Esther Rhein: Mit ersten theoretischen Vorüberlegungen und als das Forschungsfeld grob abgesteckt war, habe ich mich wesentlich durch die Sammlung empirischer Daten und durchgeführten Experteninterviews leiten lassen. Erste Gespräche mit involvierten Akteuren im Fallgeschehen lieferten für mich zentrale Ansatzpunkte um gezielter Nachzuforschen, nach passendem Sekundärmaterial zu suchen und das alles auf ein theoretisches Fundament zu stellen. Es ergab sich für mich wie ein großes Puzzlespiel und mit der Zeit sammelte ich viele Teile und versuchte sie zusammenzufügen. Zur Analyse wandte ich grundlegende Methoden der Grounded Theory im Sinne von Strauss/Corbin an. Hieran waren die Auswertungsschritte im Wesentlichen angelehnt. Problemfelder ergaben sich durch die Datenlage in Bezug auf die Zuverlässigkeit und Vollständigkeit. Weil in der vorliegenden Untersuchung bewusst auf Tonaufnahmen verzichtet wurde, stützte sich die Datenauswertung auf angefertigte Gesprächsnotizen. Diese Schwachstelle habe ich versucht durch Vorlage der Interview-Transkripte sowie weiter ausgeführten Interpretationen und Zustimmung durch die Interviewteilnehmer zu kompensieren. Um methodische Mängel weiter auszugleichen wandte ich eine Triangulation anhand alternativer Datenquellen an. Teilweise waren hier Lücken in der internen Dokumentation vorhanden, da mit Veränderungen durch Führungswechsel und Umstellung der Informations- und Kommunikationssysteme einzelne Phasen in der Unternehmensentwicklung nicht vollständig erfasst wurden bzw. nicht mehr verfügbar waren.

 

JUMS: Ein häufiger Kritikpunkt bei der Analyse spezifischer Fallstudien ist die eingeschränkte externe Validität. Welche Ergebnisse konnten Sie aus Ihrer Studie ziehen und inwiefern sind diese auf andere Unternehmen übertragbar?

Friederike Esther Rhein: Natürlich hat jede Forschungsmethode ihre Stärken und Schwächen. Die mangelnde Generalisierbarkeit der Fallstudienergebnisse ist ein wunder Punkt. Dies ist allerdings auch nicht das Ziel einer solchen Studie. Es geht vielmehr darum komplexe Phänomene anhand von Einzelfällen zu durchdringen, die zuvor noch nicht in dieser Art untersucht wurden und hierzu einen Erkenntnisbeitrag zu liefern. Verallgemeinerungen und sinnvolle Quantifizierungen können dann in einer späteren Phase auf Grundlage der Besonderheiten verschiedener Einzelfälle vollzogen werden. In meiner Studie wurde deutlich, wie spezifische Wandel-Phänomene und augenscheinliche Ineffizienzen innerhalb strategischer Veränderungsprozesse im Unternehmenskontext erklärt werden können. Dabei wurde die Ambivalenz beeinflussender Faktoren, insbesondere interner Einflussgrößen, die als Treiber des Wandels erscheinen, sich gleichsam aber auch in Trägheitstendenzen geplanter Prozesse äußern können, besonders herausgestellt. Es ergaben sich spezifische Effekte und Herausforderungen durch wirksame Wandelbarrieren, die im Verlauf des Fallgeschehens überwunden wurden. Die Herausforderungen für strategische Wandlungsvorhaben vor dem Hintergrund technologischer Entwicklung und Marktreife und der dabei begrenzende Charakter interner Kontextfaktoren sind sicherlich auch auf andere Unternehmen übertragbar. Auch wurde die Relevanz von identifizierten Effekten durch Pfadabhängigkeiten bereits in anderen Studien und verschiedenen Branchen beschrieben.

 

JUMS: Nun zu Ihrem persönlichen Werdegang: Sie haben im Master Internationales Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Universität Hamburg-Harburg studiert. Was macht diesen Master besonders und inwiefern spiegelt sich dieser interdisziplinäre Studiengang in Ihrer Abschlussarbeit wieder?

Friederike Esther Rhein: Ich habe mich damals sehr bewusst für diesen Studiengang entschieden. Ausschlaggebend waren für mich die internationale Ausrichtung und der flexible Studienaufbau mit individuellen Wahlpflichtmodulen. Aus meiner Sicht ist es wirklich gelungen einen interkulturellen und vielfältigen Studiengang aufzubauen, der auch Nicht-BWL-lern wie mir die nötigen Management-Kompetenzen vermittelt, um sich eigenständig weiterzuentwickeln und einen guten Einstieg in die Berufswelt zu ermöglichen. Man arbeitet stark problemorientiert und oft in bunt gemischten Gruppen aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Nationen zusammen und lernt dabei sehr unterschiedliche Menschen und deren Werdegänge kennen. Das erweitert allgemein den Horizont und schult außerdem die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten. Dass der IWI-Studiengang und auch die TU (noch) relativ klein sind, ist ein Aspekt der mir persönlich sehr gefallen hat. Es ist ein enger Kontakt zu den Instituten möglich, kleine Gruppen und eine intensive Betreuung. Hierauf wird viel Wert gelegt und sich Zeit genommen. Ich denke meine Masterarbeit zeigt den interdisziplinären Charakter und die Qualität der Ausbildung an der TUHH. Ich habe hierin versucht beide Perspektiven – technologische Entwicklung und Management – integrativ im Zusammenwirken zu betrachten und auftretende Effekte mit Bezug auf die strategische Unternehmensführung genauer untersucht.

 

JUMS: Wie ging es bei Ihnen nach Abgabe Ihrer Masterarbeit weiter? Haben Sie nach dieser hervorragenden Abschlussarbeit über eine weitere wissenschaftliche Karriere nachgedacht?

Friederike Esther Rhein: Für mich hatte die Suche nach Erkenntnis mit der Masterarbeit gerade richtig angefangen und so schnell wollte ich auch nicht davon ablassen. Man lernt nach einem sehr kleinen Teil ganz tief zu graben, ihn möglichst umfassend zu beleuchten und ins rechte Licht zu rücken und dabei wurde mir erst bewusst wie groß die Welt Drumherum eigentlich ist. Es gibt noch viel zu entdecken und für mich war klar, dass ich gerne noch ein bisschen weiter forschen wollte. Und weil ich ja schon ganz gute Erfahrungen mit zweigleisigen Systemen hatte, am liebsten natürlich in Kombination mit Berufspraxis. Eine Industriepromotion war der logische Schritt.

 

JUMS: Zum Abschluss gibt es bei uns immer einen kleinen Ergänzungssatz, Ihrer lautet: Eine Abschlussarbeit zu schreiben bedeutet für mich …

Friederike Esther Rhein:  „Der Weg ist das Ziel.“ Man muss sich das nur immer wieder klar machen und einfach mal treiben lassen – zumindest manchmal.

 

JUMS: Vielen Dank, Frau Rhein, für Ihre Bereitschaft und Offenheit bei der Beantwortung der Interviewfragen. Wir wünschen Ihnen für Ihren weiteren Werdegang nur das Beste!

2017-11-20T22:17:17+00:00